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Drei Kameraden 9 страница



»O sei nicht lä nger noch verstockt«, drang schrill der Chor der Asketen noch einmal durch, denn die Heilsarmee geriet mit nickenden Schutenhü ten in hö chsten Alarm.

Aber das Bö se siegte. »Meinen Namen, den darf ich nicht nennen«, schallte es aus rauhen Kehlen gewaltig dagegen, »denn ich bin ja ein Mä dchen fü r Geld. «

»Jetzt wird es Zeit aufzubrechen«, sagte ich zu Pat. »Das Lied da kenne ich. Es hat mehrere Strophen, die sich mä chtig steigern. Fort von hier! «

Die Stadt war wieder da mit Hupenlä rm und Rä dergesumm. Aber sie blieb verzaubert. Der Nebel machte aus den Omnibussen groß e Fabeltiere, die Autos wurden zu schleichenden Lichtkatzen und die Schaufenster zu bunten Hö hlen der Verwirrung.

Wir gingen die Straß e am Friedhof entlang und ü berquerten den Rummelplatz. Die Karussells ragten wie brausende Tü rme von Musik und Glanz in die diesige Luft, das Teufelsrad sprü hte Purpur, Gold und Gelä chter, und das Labyrinth schimmerte in blauen Feuern.

»Gesegnetes Labyrinth! « sagte ich.

»Warum? « fragte Pat.

»Wir waren doch einmal zusammen drin. «

Sie nickte.

»Ich habe das Gefü hl, es ist endlos lange her. «

»Wollen wir noch einmal hinein? «

»Nein«, sagte ich. »Jetzt nicht mehr. Willst du etwas trinken? «

Sie schü ttelte den Kopf. Sie sah wunderschö n aus. Der Nebel war wie ein leichter Duft, der sie noch strahlender machte.

»Bist du auch nicht mü de? « fragte ich.

»Nein, noch nicht. «

Wir kamen an die Buden mit den Ringen und den Haken. Lampen mit weiß em, spritzendem Karbidlicht hingen davor. Pat sah mich an. »Nein«, sagte ich, »heute werfe ich nicht. Keinen einzigen Ring. Und wenn der Schnapskeller Alexanders des Groß en zu gewinnen wä re. « Wir gingen weiter, ü ber den Platz und durch die stä dtischen Anlagen.

»Hier muß irgendwo die Daphne indica stehen«, sagte Pat.

»Ja, man riecht sie schon von weitem ü ber den Rasen her. Ganz deutlich. Oder nicht? «

Sie sah mich an. »Doch«, sagte sie.

»Sie muß aufgeblü ht sein. Man riecht sie jetzt durch die ganze Stadt. « Ich blickte vorsichtig nach rechts und links, ob irgendwo eine leere Bank wä re. Aber es muß te wohl an der Daphne indica liegen oder am Sonntag oder an uns — ich fand keine. Alle waren besetzt. Ich sah auf die Uhr. Es war schon nach zwö lf. »Komm«, sagte ich, »wir gehen zu mir — da sind wir fü r uns. «

Sie antwortete nicht, aber wir gingen zurü ck. Am Friedhof sahen wir etwas Unerwartetes. Die Heilsarmee hatte Verstä rkung herangezogen. Vier Reihen tief stand jetzt der Chor. Nicht nur Schwestern, auch zwei Reihen Brü der in Uniform waren da. Nicht mehr zweistimmig schrill, sondern vierstimmig wie eine Orgel klang der Gesang. Im Walzertakt brauste es ü ber die Grabsteine: »Himmlisches Jerusalem... «

Von der Opposition war nichts mehr zu hö ren. Sie war weggefegt. »Beharrlichkeit«, sagte mein Rektor Hillermann immer schon, »Beharrlichkeit und Fleiß sind besser als Zuchtlosigkeit und Genie... «

Ich schloß die Tü r auf. Einen Augenblick ü berlegte ich. Dann knipste ich das Licht an. Der Schlauch des Korridors gä hnte gelb und scheuß lich. »Mach die Augen zu«, sagte ich leise zu Pat, »der Anblick ist nur fü r abgebrü hte Nerven. « Ich nahm sie mit einem Ruck hoch und ging langsam mit einem gewö hnlichen Schritt, als wä re ich allein, vorbei an Koffern und Gaskochern, bis zu meinem Zimmer.

»Schauerlich, was? « sagte ich verlegen und starrte auf die Plü schgarnitur, die sich uns entgegenbreitete. Ja, jetzt fehlten mir die Brokatstü cke Frau Zalewskis — der Teppich, die Hassesche Lampe — »Es ist gar nicht so schauerlich«, sagte Pat.

»Doch, doch«, erwiderte ich und ging zum Fenster. »Aber die Aussicht ist wenigstens schö n. Vielleicht rü cken wir die Sessel ans Fenster. «

Pat ging im Zimmer umher. »Es ist gar nicht schlimm. Vor allem ist es wunderbar warm. «

»Frierst du? «

»Ich habe es gern warm«, sagte sie und hob ein wenig die Schultern.

»Ich mag Kä lte und Regen nicht. Ich kann sie auch nicht vertragen. «

»Himmel — und wir haben die ganze Zeit drauß en im Nebel gesessen... «

»Um so besser ist es jetzt hier... «

Sie dehnte sich und ging wieder mit ihren schö nen Schritten durchs Zimmer. Ich war sehr befangen und sah mich rasch um. — Gottlob, es lag nicht viel umher. Meine zerrissenen Hausschuhe schubste ich mit einer Fuß drehung nach hinten unters Bett.

Pat stand vor dem Kleiderschrank und schaute hinauf. Oben lag ein alter Koffer, den Lenz mir geschenkt hatte. Er war bunt beklebt mit Zetteln von seinen Abenteurerfahrten. »Rio de Janeiro... «, las sie, »Maná os — Santiago — Buenos Aires — Las Palmas... «

Sie schob den Koffer zurü ck und kam auf mich zu. »Da bist du ü berall schon gewesen? «

Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm. »Komm, erzä hl mir davon, erzä hl mir von all diesen Stä dten, es muß doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen... «

Und ich? Ich sah sie vor mir, schö n, jung, voll Erwartung, ein Schmetterling, verflogen durch einen glü cklichen Zufall in mein abgebrauchtes, schä biges Zimmer, in mein belangloses, sinnloses Leben, bei mir und doch nicht bei mir — ein Atemzug nur, und er konnte sich heben und wieder davonfliegen — scheltet mich, verdammt mich, ich konnte es nicht, ich konnte nicht nein sagen, nicht sagen, daß ich nie dagewesen war, jetzt nicht...

Wir standen am Fenster, der Nebel drä ngte und quoll gegen die Scheiben — und ich spü rte: Hinter ihm lauert es wieder, das Verschwiegene, Verborgene, Vergangene, die feuchten Tage des Grauens, die Ö de, der Schmutz, die Fetzen verwesten Daseins, die Ratlosigkeit, die verirrte Kraftmeierei eines ziellos abschnurrenden Lebens — aber hier, vor mir im Schatten, bestü rzend nahe, der leise Atem, die unfaß bare Gegenwart, Wä rme, klares Leben —, ich muß te es halten, ich muß te es gewinnen — »Rio... « sagte ich — »Rio de Janeiro — ein Hafen wie ein Mä rchen. In sieben Bogen schwingt das Meer um die Bucht, und die Stadt steigt weiß und flimmernd darü ber auf... « Ich begann zu erzä hlen von heiß en Stä dten und endlosen Ebenen, von den gelben Schlammfluten der Flü sse, von schimmernden Inseln und Krokodilen, von den Wä ldern, die die Straß en fressen, vom Schrei der Jaguare nachts, wenn der Fluß dampfer durch den Brodem von Vanille, Schwü le, Orchideenduft, Verwesung und Dunkel gleitet, ich hatte das alles von Lenz gehö rt, aber jetzt schien es mir fast, als wä re ich es selbst gewesen, so wunderlich mischten sich Erinnerung und Sehnsucht danach mit dem Wunsch, zu dem geringen und dunklen Wirrwarr meines Lebens etwas Glanz hinzuzutun, um nicht dieses unbegreiflich schö ne Gesicht vor mir zu verlieren, diese jä he Hoffnung, dieses beglü ckende Blü hen, fü r das ich allein viel zuwenig war. Spä ter konnte ich das alles einmal erklä ren, spä ter, wenn ich mehr war, wenn alles sicherer war, spä ter, aber nicht jetzt — »Maná os«, sagte ich. »Buenos Aires«, und jedes Wort war Bitte und Beschwö rung.

Nacht. Drauß en begann es zu regnen. Die Tropfen fielen weich und zä rtlich. Sie klatschten nicht mehr wie vor einem Monat, als sie nur die Ä ste der Linden trafen — jetzt rauschten sie leise herab in die jungen nachgebenden Blä tter, sie drä ngten sich an sie und rannen an ihnen herunter, ein mystisches Fest und ein geheimnisvolles Fließ en zu den Wurzeln, von denen sie wieder aufsteigen wü rden, um selbst Blä tter zu werden, die den Regen wieder erwarteten in den Nä chten des Frü hjahrs.

Es war still geworden. Der Lä rm der Straß e war verstummt — eine einsame Laterne flackerte auf dem Bü rgersteig. Die zarten Blä tter der Bä ume, von unten beschienen, sahen fast weiß aus, durchsichtig beinahe. Die Wipfel waren schimmernde, helle Segel.

»Horch, der Regen, Pat... «

»Ja... «

Sie lag neben mir. Ihr Haar hob sich dunkel von den

 

weiß en Kissen ab. Das Gesicht erschien sehr bleich unter dem Dü ster des Haares. Eine Schulter war hochgeschoben, sie glä nzte von irgendeinem Licht wie matte Bronze, und ein schmaler Streifen Licht fiel auch auf ihren Arm. »Sieh nur«, sagte sie und hob auch die Hä nde hinein.

»Ich glaube, es kommt von der Laterne drauß en«, sagte ich.

Sie richtete sich auf. Jetzt war auch ihr Gesicht im Licht, das lief ü ber die Schultern und die Brust, gelb, wie der Schein von Wachskerzen, es verä nderte sich, floß zusammen, wurde zu Orange, blaue Kreise flirrten hindurch, und dann stand plö tzlich ein warmes Rot hinter ihr wie eine Gloriole, glitt hö her und wanderte langsam ü ber die Decke des Zimmers.

»Es ist die Zigarettenreklame von drü ben. «

»Siehst du, wie schö n dein Zimmer ist. «

»Es ist schö n, weil du da bist. Es wird jetzt auch nie mehr das Zimmer von frü her sein — weil du hiergewesen bist. «

Sie kniete im Bett, ganz von fahlem Blau umweht. »Aber... « sagte sie, »ich werde doch noch oft hier sein — oft. «

Ich lag still da und sah sie an. Ich sah alles wie durch einen weichen, klaren Schlaf, entspannt, gelö st, ruhig und sehr glü cklich. »Wie schö n du so bist, Pat! Viel schö ner als in allen Kleidern. «

Sie lä chelte und beugte sich zu mir herunter. »Du muß t mich sehr lieben, Robby. Ich weiß nicht, was ich machen soll ohne Liebe! «

Ihre Augen hielten mich fest. Ihr Gesicht war dicht ü ber mir. Es war bewegt, ganz aufgeschlossen, voll leidenschaftlicher Kraft. »Du muß t mich festhalten«, flü sterte sie, »ich brauche jemand, der mich festhä lt. Ich falle sonst. Ich habe Angst. «

»Du siehst nicht so aus, als ob du Angst hä ttest«, erwiderte ich.

»Doch. Ich tue nur so. Ich habe oft Angst. «

»Ich werde dich schon festhalten«, sagte ich, immer noch in diesem unwirklichen Traumwachen, diesem verschwebenden hellen Schlaf.

»Ich werde dich schon richtig festhalten, Pat. Du wirst dich wundern. « Sie nahm mein Gesicht in ihre Hä nde. »Wirklich? «

Ich nickte. Ihre Schultern leuchteten grü n wie in tiefem Wasser. Ich ergriff ihre Hä nde und zog sie zu mir herab — eine Welle, eine leuchtende, atmende, weiche Woge, die anstieg und alles verlö schte.

Sie schlief in meinem Arm. Ich erwachte oft und sah sie an. Ich dachte, die Nacht kö nne nie zu Ende gehen. Wir trieben irgendwo, jenseits der Zeit. Es war alles so schnell gekommen, ich begriff es noch gar nicht. Ich begriff noch gar nicht, daß mich ein Mensch lieben konnte. Ich verstand wohl, daß ich fü r einen Mann ein ganz guter Kamerad sein konnte; aber ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb eine Frau mich lieben sollte. Ich dachte, daß es wohl nur diese Nacht sein wü rde, und glaubte, beim Erwachen wü rde es vorbei sein.

Die Dunkelheit wurde grau. Ich lag ganz still. Mein Arm unter Pats Kopf war eingeschlafen, ich konnte nichts mehr fü hlen. Aber ich rü hrte mich nicht. Erst als sie sich im Schlaf umdrehte und sich gegen das Kissen drü ckte, konnte ich ihn wegnehmen. Ich stand ganz leise auf und putzte mir gerä uschlos die Zä hne und rasierte mich. Ich nahm auch etwas Kö lnisch Wasser und rieb es mir auf das Haar und in den Nacken. Es war sonderbar, so lautlos in dem grauen Zimmer, mit den Gedanken, und drauß en den dunklen Umrissen der Bä ume. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß Pat die Augen offen hatte und mich betrachtete. Ich hielt inne. »Komm«, sagte sie.

Ich ging zu ihr und setzte mich auf das Bett. »Ist alles noch wahr? « sagte ich.

»Weshalb fragst du? «

»Ich weiß nicht. Weil es Morgen ist, vielleicht? «

Es wurde heller. »Du muß t mir jetzt meine Sachen geben«, sagte sie. Ich nahm die dü nne Seidenwä sche vom Boden auf. Sie war leicht und so wenig. Ich hielt sie in der Hand. Schon das war ganz anders, dachte ich. Wer so etwas trug, muß te schon ganz anders sein. Nie wü rde ich ihn begreifen, nie.

Ich gab ihr die Sachen. Sie legte mir den Arm um den Nacken und kü ß te mich. Dann brachte ich sie nach Hause. Wir sprachen nicht mehr viel. Wir gingen nebeneinander her in der silbrigen Frü he. Die Milchwagen ratterten ü ber das Pflaster, und die Zeitungen wurden ausgetragen. Ein alter Mann saß vor einem Hause und schlief. Sein Kinn zitterte, als sei es nicht mehr fest. Radfahrer mit Brö tchenkö rben fuhren vorü ber. Das warme frische Brot roch ü ber die Straß e. Hoch ü ber uns zog ein Flieger durch den blauen Himmel.

»Heute? « fragte ich Pat vor der Haustü r.

Sie lä chelte. »Um sieben? « fragte ich.

Sie sah gar nicht mü de aus. Sie war frisch, als hä tte sie lange geschlafen. Sie kü ß te mich zum Abschied. Ich blieb vor dem Hause stehen, bis ich sah, daß in ihrem Zimmer das Licht anging.

Dann ging ich zurü ck. Unterwegs fiel mir vieles ein, was ich ihr hä tte sagen sollen, viele schö ne Worte. Ich wanderte durch die Straß en und dachte daran, was ich alles hä tte sagen und tun kö nnen, wenn ich nicht so gewesen wä re, wie ich war. Dann ging ich zu den Markthallen. Die Wagen mit Gemü se, Fleisch und Blumen waren schon da. Ich wuß te, daß man hier fü r den gleichen Preis dreimal soviel Blumen bekam wie in den Lä den. Ich kaufte fü r alles Geld, das ich noch bei mir hatte, Tulpen. Sie sahen herrlich aus, ganz frisch, mit Wassertropfen in den Kelchen. Ich bekam einen groß en Arm voll. Die Verkä uferin versprach mir, sie um elf Uhr zu Pat zu schicken. Sie lachte mich an, als sie es versprach, und legte noch einen dicken Busch Veilchen dazu.

»Mindestens vierzehn Tage wird die Dame ihre Freude daran haben«, sagte sie. »Nur ab und zu eine Pyramiden ins Wasser tun. «

Ich nickte und gab ihr das Geld. Dann ging ich langsam nach Hause.

 

 

X

 

Der Ford stand fertig in der Werkstatt. Neue Arbeit war nicht hereingekommen. Wir muß ten etwas unternehmen. Kö ster und ich gingen auf eine Auktion. Wir wollten ein Taxi kaufen, das dort versteigert wurde. Taxis waren immer ziemlich gut weiterzuverkaufen.

Das Versteigerungslokal war in einem Hinterhaus im Norden der Stadt. Auß er dem Taxi wurde noch ein Haufen anderer Dinge verauktioniert. Ein Teil der Sachen stand auf dem Hof. Betten, wackelige Tische, ein vergoldeter Kä fig mit einem Papagei, der »Grü ß Gott, Liebling! « rief, eine Standuhr, Bü cher, Schrä nke, ein alter Frack, Kü chenstü hle, Geschirr — das ganze Elend zerbrö ckelnden, untergehenden Daseins.

Es war noch zu frü h, als wir ankamen; der Auktionator war noch nicht da.

Ich kramte zwischen den ausgestellten Sachen umher und sah mir ein paar von den Bü chern an — zerlesene billige Exemplare griechischer und lateinischer Klassiker mit vielen handschriftlichen Notizen am Rande. Auf den verschossenen, zerblä tterten Seiten standen nicht mehr die Verse von Horaz und die Lieder Anakreons — auf ihnen stand nur noch der Schrei der Not und der Hilflosigkeit eines verlorenen Lebens. Wer diese Bü cher besessen hatte, dem waren sie Zuflucht gewesen, und er hatte sie behalten bis zuletzt, und wer sie hergegeben hatte, hierher, der war am Ende.

Kö ster blickte mir ü ber die Schulter. »Traurig, so was, wie? « Ich nickte und zeigte auf die anderen Sachen. »Das auch, Otto. Zum Spaß werden Kü chenstü hle und Kleiderschrä nke nicht hierhergebracht. «

Wir gingen zu dem Wagen, der in der Ecke des Hofes stand. Die Lackierung war abgewetzt und verbraucht, aber der Wagen war sauber, auch unter den Kotflü geln. Ein untersetzter Mann mit herabhä ngenden, breiten Hä nden stand in der Nä he und schaute uns stumpf an.

»Hast du die Maschine untersucht? « fragte ich Kö ster.

»Gestern«, sagte er. »Ziemlich ausgeleiert, aber tadellos gepflegt. «

Ich nickte. »Sieht auch so aus. Der Wagen ist heute morgen noch gewaschen worden, Otto. Das hat der Auktionsfritze sicher nicht getan. «

Kö ster schü ttelte den Kopf und sah zu dem untersetzten Mann hinü ber. »Es wird der Besitzer sein. Er stand gestern auch hier und putzte den Wagen. «

»Verdammt«, sagte ich, »der Mann sieht aus wie ein ü berfahrener Hund. «

Ein junger Mann kam quer ü ber den Hof auf den Wagen zu. Er trug einen Mantel mit einem Gü rtel und war unangenehm forsch. »Das ist ja wohl der Schlitten«, sagte er halb zu uns, halb zu dem Mann, und klopfte mit seinem Spazierstock auf die Kü hlerhaube. Ich sah, wie es in den Augen des Mannes zuckte. »Macht nichts, macht nichts«, wehrte der Gü rtelmann groß zü gig ab, »der Lack ist sowieso keine fü nf Groschen mehr wert. Ehrwü rdige Klamotte. Mü ß te eigentlich ins Museum, was? « Er lachte mä chtig ü ber seinen Witz und sah uns beifallsfreudig an. Wir lachten nicht mit. Er wandte sich an den Besitzer.

»Was wollen Sie denn fü r den Groß vater haben? «

Der Mann schluckte und schwieg. »Alteisenwert, was? « meckerte der Jü ngling in strahlender Laune und drehte sich wieder zu uns herü ber. »Die Herren haben auch Interesse? «

Mit gesenkter Stimme: »Kö nnten Kippe vereinbaren. Wagen fü r Appel und Ei einsteigern und Profit teilen. Wozu den Leuten da unnö tig Geld in den Hals schmeiß en! Ü brigens Guido Thieß von der Augeka. «

Er wirbelte seinen Bambusstock und zwinkerte uns vertraulich ü berlegen zu. Fü r diesen fü nfundzwanzigjä hrigen Wurm gibt's keine Geheimnisse, dachte ich ä rgerlich, weil mir der schweigsame Mann neben dem Wagen leid tat, und sagte: »Sie mü ß ten anders als Thieß heiß en. «

»Nanu«, meinte er geschmeichelt. Er war scheinbar Komplimente fü r seine Tü chtigkeit gewö hnt.

»Jawohl«, fuhr ich fort, »Rotznase mü ß ten Sie heiß en. Guido Rotznase! «

Er prallte zurü ck. »Nu ja«, meinte er schließ lich, »zwei gegen einen... «

»Wenn's das ist«, sagte ich, »ich geh' mit Ihnen auch allein, wohin Sie wollen. «

»Danke«, erwiderte Guido frostig, »danke wirklich! « und zog sich zurü ck.

Der untersetzte Mann mit dem verstö rten Gesicht stand da, als ginge ihn alles nichts an, und starrte auf den Wagen.

»Wir sollten ihn nicht kaufen, Otto«, sagte ich.

»Dann kauft ihn dein Gü rteltier Guido«, erwiderte Kö ster. »Wir kö nnen dem Mann nicht helfen. «

»Stimmt«, sagte ich. »Aber trotzdem — es hä ngt was dran. «

»Wo hä ngt heute nichts dran, Robby? Glaube mir: fü r den Mann drü ben ist es sogar besser, daß wir hier sind. Er kriegt so vielleicht ein biß chen mehr fü r den Wagen. Aber ich verspreche dir: wenn das Gü rteltier nicht bietet, tu ich's auch nicht. «

Der Auktionator kam. Er war eilig, er hatte anscheinend viel zu tun. Jeden Tag gab es ja Dutzende von Auktionen. Mit runden Gesten begann er den armseligen Kram zu versteigern. Er hatte den guß eisernen Humor und die Sachlichkeit eines Mannes, der tä glich mit dem Elend zu tun hat, ohne selbst davon berü hrt zu werden.

Die Sachen gingen fü r Pfennige weg. Ein paar Hä ndler kauften das meiste. Sie hoben nur nachlä ssig einen Finger, wenn der Auktionator einen Blick zu ihnen hinü berwarf, oder schü ttelten den Kopf. Aber dem Blick des Auktionators folgten manchmal ein Paar andere Augen — aus einem verhä rmten Frauengesicht, Augen, die zu den Fingern der Hä ndler aufsahen wie zu einem Gebot Gottes —, voll Hoffnung und Angst. Auf das Taxi boten drei Leute — als erster Guido — dreihundert Mark. Ein Schandgebot. Der untersetzte Mann war herangekommen. Er bewegte lautlos die Lippen. Es sah aus, als wolle er mitbieten. Aber die Hand sank herab. Er trat zurü ck.

Das nä chste Gebot war vierhundert Mark. Guido ging auf vierhundertfü nfzig. Es entstand eine Pause. Der Auktionator bot herum — »keiner mehr — zum ersten — zum zweiten... «

Der Mann am Taxi stand mit aufgerissenen Augen und gesenktem Kopf da, als erwarte er einen Schlag ins Genick.

»Tausend«, sagte Kö ster. Ich sah ihn an. »Ist ja drei wert«, murmelte er. »Kann nicht sehen, wie der da abgeschlachtet wird. «

Guido machte uns verzweifelte Zeichen. Er hatte die Rotznase vergessen, als es ums Geschä ft ging. »Elfhundert«, meckerte er und klapperte uns mit beiden Augenlidern zu.

Hä tte er am Hintern noch eins gehabt, er hä tte auch mit dem geklappert.

»Fü nfzehnhundert«, sagte Kö ster.

Der Auktionator geriet in Schwung. Er tanzte mit seinem Hammer umher wie ein Kapellmeister. Das waren andere Zahlen als zwei Mark, zwei Mark fü nfzig vorhin.

»Fü nfzehnhundertzehn«, erklä rte Guido schwitzend.

»Achtzehnhundert«, sagte Kö ster.

Guido deutete an seine Stirn und gab es auf. Der Auktionator hopste. Ich dachte plö tzlich an Pat. »Achtzehnhundertfü nfzig«, sagte ich, ohne es recht zu wollen.

Kö ster drehte erstaunt den Kopf. »Die fü nfzig tu ich dazu«, sagte ich rasch. »Es ist fü r irgendwas — zur Vorsicht. «

Er nickte.

Der Auktionator schlug uns den Wagen zu. Kö ster bezahlte sofort.

»So was! « sagte Guido, der es sich doch nicht verkneifen konnte und herangekommen war, als wä re nichts gewesen. »Fü r tausend Mark hä tten wir die Kiste haben kö nnen. Den Dritten hä tten wir sofort 'rausgeblufft. «

»Grü ß Gott, Liebling«, schrie eine blecherne Stimme hinter ihm.

Es war der Papagei, der in seinem goldenen Kä fig jetzt drankam.

»Rotznase«, fü gte ich hinzu. Guido verschwand achselzuckend.

Ich ging zu dem Mann, dem der Wagen gehö rte. Eine blasse Frau stand jetzt bei ihm. »Ja... « sagte ich. »Weiß schon... «, erwiderte er.

»Hä tten es lieber nicht gemacht«, sagte ich. »Aber Sie hä tten nur weniger gekriegt. «

Er nickte und arbeitete an seinen Hä nden herum. »Der Wagen ist gut«, sagte er plö tzlich rasch, sich ü berstü rzend, »der Wagen ist gut, er ist das Geld wert, ganz bestimmt, Sie haben ihn nicht ü berzahlt, es lag nicht an dem Wagen, ganz gewiß nicht, es ist — es war... «

»Weiß schon«, sagte ich.

»Von dem Geld kriegen wir nichts«, sagte die Frau. »Geht alles wieder weg. « — »Wird schon wieder werden, Mutter«, sagte der Mann. »Wird schon wieder werden. «

Die Frau erwiderte nichts. »Beim Schalten kratzt er vom ersten auf den zweiten Gang«, sagte der Mann, »aber das ist kein Defekt. Er hat's schon gemacht, als er neu war. « Er stand da, als rede er von einem Kinde. »Drei Jahre haben wir ihn schon, und nie war was dran. Es ist nur — erst war ich krank und dann hat mich einer 'reingelegt — ein Freund... «

»Ein Lump«, sagte die Frau mit hartem Gesicht. »Laß man, Mutter«, sagte der Mann und sah sie an, »ich komme schon wieder hoch. Nicht, Mutter? «

Die Frau antwortete nicht. Der Mann war naß vor Schweiß. »Geben Sie mir Ihre Adresse«, sagte Kö ster, »vielleicht brauchen wir mal jemand zum Fahren. «

Der Mann schrieb eifrig mit seinen schweren, ehrlichen Hä nden. Ich sah Kö ster an; wir wuß ten beide, daß es ein Wunder sein mü ß te, wenn es was wü rde. Und Wunder gab's nicht mehr. Hö chstens nach unten.

Der Mann redete und redete, wie im Fieber. Die Auktion war aus. Wir standen allein auf dem Hof. Er gab uns Ratschlä ge fü r den Winter mit dem Anlasser. Er faß te den Wagen immer wieder an. Dann wurde er still. »Nun komm, Albert«, sagte die Frau.

Wir gaben ihm die Hand, Sie gingen. Wir warteten, bis sie weg waren. Dann ließ en wir den Wagen an.

Unter der Durchfahrt sahen wir eine kleine alte Frau. Sie trug den Papageienkä fig in den Armen und wehrte sich gegen ein paar Kinder. Kö ster hielt an. »Wo wollen Sie hin? « fragte er sie.

»Du liebe Zeit, ich habe kein Geld fü r Droschkefahren«, erwiderte sie.

»Brauchen Sie auch nicht«, sagte Otto. »Ich habe Geburtstag und fahre heute umsonst. «

Miß trauisch hielt sie den Kä fig fest. »Nachher kostet's doch was. «

Wir beruhigten sie, und sie stieg ein.

»Wozu haben Sie denn den Papagei gekauft, Mutter? « fragte ich, als sie ausstieg.

»Fü r abends«, sagte sie. »Glauben Sie, daß das Futter teuer ist? «

»Nein«, sagte ich, »aber wieso fü r abends? «

»Er kann doch sprechen«, erwiderte sie und sah mich mit ihren hellen alten Augen an. »Dann ist doch einer da, der redet. «

»Ach so... «, sagte ich.

 

Nachmittags kam der Bä ckermeister, um seinen Ford abzuholen. Er sah grau und verbittert aus. Ich war allein auf dem Hof. »Gefä llt Ihnen die Farbe? « fragte ich.

»Ja, schon«, sagte er und sah den Wagen unschlü ssig an.

»Das Verdeck ist sehr schö n geworden. «

»Gewiß... «

Er stand herum und schien sich nicht entschließ en zu kö nnen, abzufahren. Ich erwartete, daß er noch irgendwas umsonst einzuhandeln versuchen wü rde, einen Wagenheber, einen Aschenbecher oder etwas Ä hnliches.

Aber es kam anders. Er schnaufte eine Weile herum, sah mich dann aus seinen rotgeä derten Augen an und sagte: »Wenn man so denkt — da hat sie nun vor ein paar Wochen noch gesund und munter drin gesessen... «

Ich war etwas erstaunt, ihn so plö tzlich weich zu sehen, und vermutete, daß ihm das flinke schwarze Luder, das er zuletzt bei sich gehabt hatte, bereits auf die Nerven ging. Ä rger macht ja die Leute leichter sentimental als Liebe.

»War eine gute Frau«, fuhr er fort, »eine Seele von Frau. Nie verlangte sie was. Zehn Jahre lang hat sie denselben Mantel getragen. Blusen und so was schneiderte sie sich alles selbst. Und das Haus machte sie ganz allein — ohne Mä dchen. «

Aha, dachte ich, das machte die Neue wahrscheinlich alles nicht. Der Bä cker begann sich auszusprechen. Er erzä hlte mir, wie sparsam die Frau gewesen sei. Es war merkwü rdig, wie gerü hrt die Erinnerung an gespartes Geld diesen versoffenen Kegelbruder machte. Nicht einmal richtig fotografieren hä tte sie sich lassen, es sei ihr zu teuer gewesen. So hä tte er nur ein Bild von der Hochzeit und ein paar kleine Momentaufnahmen von ihr.

Das brachte mich auf einen Gedanken. »Sie sollten sich ein schö nes Bild von Ihrer Frau malen lassen«, sagte ich. »Dann haben Sie fü r immer was. Fotografien verbleichen mit der Zeit. Es gibt hier einen Kü nstler, der das macht. «

Ich erklä rte ihm Ferdinand Graus Tä tigkeit. Er wurde sofort miß trauisch und meinte, das sei wohl sehr teuer. Ich beruhigte ihn — wenn ich mitginge, bekä me er einen Sonderpreis. Er versuchte, sich zu drü cken. Aber ich ließ ihn nicht los und erklä rte, wenn er so an der Frau hinge, dü rfe ihm das nicht zuviel sein. Schließ lich war er bereit. Ich rief Ferdinand Grau an und sagte ihm Bescheid. Dann fuhr ich mit dem Bä ckermeister los, um die Fotografien der Frau abzuholen.

Die schwarze Person stü rzte uns aus dem Laden entgegen. Sie umkreiste den Ford. »Rot wä re schö ner gewesen, Puppi!

Aber du muß test natü rlich deinen Kopf durchsetzen. «

»Nu laß mal«, sagte Puppi verdrossen.

Wir gingen in die gute Stube hinauf. Die Schwarze folgte uns. Ihre flinken Augen waren ü berall. Der Bä cker wurde nervö s. Er wollte vor ihren Augen die Fotografien nicht suchen. »Laß uns mal allein«, sagte er schließ lich grob.

Herausfordernd mit den Brü sten unter dem straff gezogenen Jumper wippend, drehte sie sich heraus. Der Bä cker holte aus einem grü nen Plü schalbum ein paar Bilder hervor und zeigte sie mir. Die Frau als Braut, er daneben mit hochgewichstem Schnurrbart, da lachte sie noch — dann ein anderes, auf dem sie schmal, verarbeitet, mit ä ngstlichen Augen auf der Kante eines Stuhles saß. Nur zwei kleine Bilder — aber ein ganzes Leben. »Das geht«, sagte ich. »Danach kann er alles machen. «

 

Ferdinand Grau empfing uns in einem Gehrock. Er sah wü rdig und feierlich aus. Das gehö rte zu seinem Geschä ft. Er wuß te, daß vielen Trauernden der Respekt vor ihrem Schmerz wichtiger war als der Schmerz selbst.

An den Wä nden des Ateliers hingen einige stattliche Ö lporträ ts in goldenen Rahmen; darunter die kleinen dazugehö rigen Fotografien. Jeder Kunde konnte dadurch sofort sehen, was selbst aus einer verwischten Momentaufnahme zu machen war. Ferdinand fü hrte den Bä ckermeister herum und fragte ihn, welche Art ihm am besten gefiele. Der Bä cker fragte zurü ck, ob die Preise sich nach der Grö ß e richteten. Ferdinand erklä rte, es ginge nicht nach dem Quadratmeter, sondern nach der Ausfü hrung. Darauf gefiel dem Bä cker das grö ß te am besten.



  

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